Artikel zum 100. Geburtstag und darunter "Das Saufhaus":

DAS SAUFHAUS: Im Jahre 1887 richtete Wilhelm Engelhardt seine Gaststätte ein die anfangs „Brauerei W. Engelhardt“ hieß und später in „Hessenschänke“ umbenannt wurde. Der besondere Spitzname aber, der es weltbekannt machte hieß „Saufhaus“ und „SH“ und damit ging es in die Geschichte ein.

In dieser gastlichen Stätte verkehrten die Bürger aller Gesellschaftsschichten. Ihren Ruhm begründeten die Stammtische, die damals wohl Ihre Blütezeit erlebten. Die wichtigste nannte sich „Hohes“ Haus. Und vereinigte in sich Honoratioren der Stadt und vorwiegend die Offiziere der damaligen Kriegsschule. Gerade deren Angehörige sind es gewesen, die sich in späteren Jahren gerne an ihre Hersfelder Zeit erinnerten, wenn Sie fern von Deutschland an allen Ecken und Enden der Welt ihren Dienst verrichteten. Während eines Heimaturlaubes nutzten sie daher gerne die Gelegenheit dem „SH“ und ihren Freunden einen Besuch abzustatten (bis 1914). Sie waren es auch, die aus aller Herren Länder Andenken mitbrachten oder schickten, um so zur dekorativen Ausgestaltung der Gasträume beizutragen. Die Bekanntheit ist auch an den Kartengrüßen von Witzbolden abzulesen, die als Adressat nur „S.H. in Deutschland“ angaben und die findige Post korrekt zustellte.

Die Hersfelder Mitglieder dieses Stammtisches blieben wohl immer dieselben, dagegen wechselten die Angehörigen der Kriegsschule naturgemäß öfter. Für sie wurde eine Aufnahmeprüfung ausgeheckt, die aus sehr harte Bedingungen bestand, um deren Anzahl nicht ins Unermessliche anwachsen zu lassen. Getreu dem Wappenspruch „Trunkfest und Sesshaft“ hatte der Anwärter diese Tugenden nachzuweisen. Bis um Mitternacht durfte er das Stammtischleben kennenlernen. Dabei konnte er sich mit einem kupfernen Eimer an der Decke vertraut machen, der mit dem köstlichen Gerstensaft des Meisters Engelhardt zum zwölften Glockenschlag übergeben wurde mit der Ehre, diesen in einer beliebig langen Zeit zu leeren, damit es nicht zu schwer fiel, aber dafür durfte der Eimer nur leer auf den Tisch zurückgestellt werden, um die erste Bedingung der Trunkfestigkeit zu erfüllen. Die zweite Bedingung der Sesshaftigkeit war leichter zu erfüllen, musste man nur wie die anderen Mitglieder des „Hohen Hauses“ bis zum ersten Hahnenschrei mit ausharren.

Die Geschichte dieses Stammtisches ist praktisch auch gleichzeitig die Geschichte des Saufhauses zwischen den Jahren 1887 und 1914. Schon von Anbeginn an hat sich dieser Stammtisch bestimmte Ziele gesetzt und auch einen Vorsitzenden gewählt, der den Titel „Bürgermeister“ erhielt. Der erste und einzige Bürgermeister durch all die Jahre war der Kataster-Kontrolleur Konrad Schmeißer, der anläßlich der Feier seines Geburtstages am 19. Februar 1895 sogar zum „Oberbürgermeister“ befördert wurde. Diese Würde wurde dem „Hohen Haus“ bekannt gegeben mit den Worten:

Des Saufhaus Bürgermeister,

ein Fäßchen heute schmeißt er,

deshalb von jetzt an heißt er,

Herr Oberbürgermeister.

Bezeichnenderweise verwandte dieser Stammtisch seinen Namen „Hohes Haus“ praktisch nur „innendienstlich“, während die offizielle Bezeichnung „Bürgermeisterei Aspenknittel“ lautete, die durch die Beförderung zur „Oberbürgermeisterei“ erhoben wurde. Nun wurde auch ein Dienstsiegel beschafft, welches bei allen möglichen Anlässen Verwendung fand. Das Präsidium dieses Stammtisches hatte Kreistierarzt Schmitt, der jedoch sehr wenig hervortrat. Im Gegensatz dazu war der Hersfelder Ratsherr I.H. Otto bei jeder Festlichkeit in seiner Eigenschaft als Saufhaus Dichter beteiligt. Wegen seiner dabei erworbenen großen Verdienste wurde er anläßlich seines 70. Geburtstags am 3.Juli 1895 zum Ehrenbürger ernannt. Der Ehrenbrief hat folgenden Worlaut:

Aus der Vielzahl der Mitglieder seien u.a. genannt: Auel, Aumann, Baumann, Becker, Braun, Breitung, Diel, Drube, Egenolf, Engelhardt, Freise, Heußner, Hillebrecht, Hoehl, Jordan, Möller, Noll, Rechberg, Rechlin, Rehn, Richter, Schafft, Schultkeis, Seelig, Stamm, Strauß, Stück, Suntheim, Wassermeier, Winchenbach und Xylander. Die Namen dieser ehrenwerten Bürger, die im Berufsleben alle an exponierten Stellen ihren Mann standen, bürgen dafür, daß das Saufhaus jener Zeit nicht nur Säufer gesehen hat, sondern vielmehr der Geselligkeit diente. Sie bürgen aber auch dafür, daß sie es verstanden haben, Feste zu feiern. Und gerade diese Festivitäten sind es gewesen, die in gutem Ruf standen. Ein gemeinsames Festessen war deren wichtigster Teil.

Um die Zügel nicht schleifen zu lassen, gaben sie sich eine Zechordnung aus dem Jahre 1594, die sie gerade rechtzeitig zum 300. Stiftungsfest „wiederentdeckt“ hatten. Sie gaben auch an verdienstvolle Mitglieder Orden aus und verliehen andere Ehren. Sie bewirten die Gäste des Hessischen Städtetages im Jahre 1895, machten gemeinsame Spaziergänge, die allerdings meist nur 400 oder 800 Meter lang waren. Weitere Ausflüge wurden per Chaise unternommen, wobei nach der Jahrhundertwende die Waldschänke oft das Ziel gewesen ist. Fast alle Begebenheiten wurden in Gedichten festgehalten und bei der nächsten Gelegenheit vorgelesen. Skat- und Dopplkopfabende lockerten die geselligen Sitzungen auf, wobei in langen und halblangen Pfeifen Tabak mit Tonkabohne geraucht wurde.

Bis ins Jahr 1913 gehen die überlieferten schriftlichen Nachrichten. Das Jahr 1914 brachte mit dem Kriegsausbruch und mit dem auf Grund von Verordnungen immer schlechter werdenden Bier einen langsamen Verfall des Stammtisches. Nach dem 1. WK bestand wohl das Saufhaus weiter, aber die alte Geselligkeit war dahin. Die Stammtische alter Prägung kamen nicht mehr auf. Am Ostersamstag, dem 31. März 1945 schlug für das Saufhaus die Todesstunde. Artilleriegeschosse hatten das Gebäude in Brand geschossen und mit ihm wurden alle Erinnerungsstücke aus der guten alten Zeit vernichtet.